Füneinhalb
Monate sind keine lange Zeit. Fünfeinhalb von elf Monaten sind sogar richtig
kurz wenn es schon die Hälfte sein soll, auch wenn es mir nicht gerade vorkommt
als sei die Überraschungsabschlussparty von meinen Freunden, der Abschied von
meiner Familie am Flughafen und unser gemeinsamer erster Schritt der deutschen
Austauschschüler auf lettischem Boden gerade erst gestern gewesen.
Das erste
Foto was ich von Riga gemacht habe war eine Straße über die unzählige
Stromleitungen von einem Haus mit abblätterndem Putz zum nächsten verliefen. Dieser
erste Eindruck von einem ärmlichen und heruntergekommenen Riga hat sich
allerdings ziemlich schnell als ziemlich falsch herausgestellt. Ich hatte mich
darauf gefreut ein Land im Wandel kennen zu lernen, das nach jahrzehntelanger
Besatzung jetzt die Unabhängigkeit genießt, und Lettland verkörpert genau das. Aus
dem Center Rigas sprießen gläserne Hochhäuser, fährt man auch nur ein kleines
Stück weiter raus findet man unzählige Plattenbauten vor. Nach nur ein paar
Wochen war mir die verschlungene Altstadt mit den zahlreichen historischen und jugendstilistischen
Bauwerken kein so großes Rätsel mehr, ich kannte jeden der unzähligen Parks und
viele Cafés mit freiem Wifi in einer eigentlich ziemlich modernen Stadt. Und
wenn ich mit meinen Austauschschülerfreunden zum Lettischunterricht im AFS-Büro
über meine „erste Straße“ gehe, vorbei an der wunderschönen Oper und dem
riesigen Hotel mit Panoramafahrstuhl von wo man die ganze Stadt sehen kann,
möchte ich mit keinem auf der Welt tauschen. Wenn man weiter aufs Land fährt
wird es aber durchaus ärmlicher, häufig gibt es Stromausfall bei schlechtem
Wetter und auch mal ein Plumpsklo statt Toilette. Doch egal wo man hin fährt:
überall erlebt man die Letten als ein sehr fürsorgliches und gastfreundliches
Volk. Anders als in Deutschland lehnt man selbst bei einem kleinen
Zwischenbesuch Kaffee und Kuchen nicht ab sondern langt richtig zu. Die
Gastmutter einer Freundin hat mal, als ich zu Besuch war und wirklich kein
Stück mehr essen konnte, ganz passend gesagt: „Im Prinzip essen die Letten nur
einmal am Tag. Sie fangen morgens an und essen dann bis zum Abend.“ In meiner
zweiten Gastfamilie ist das auch wirklich der Fall! Zum Frühstück gibt es
warmen Grieß oder russischen Haferbrei. Mittags Plov, nachmittags Borsch und
abends dann nochmal alles zusammen mit Gricci. Stets nach jeder Mahlzeit Tee
und ein bisschen Schokolade. Meinen Gastfamilienwechsel habe ich mit ein paar
Tagen vor Weihnachten natürlich in eine super Zeit gelegt. In meiner neuen,
russischen Familie wurde Weihnachten kaum gefeiert und ich war von den ganzen
Wechselstrapazen noch ziemlich mitgenommen. In meiner ersten Familie hatte ich
einfach ziemlich viel Freiraum und da sie ziemlich deutsch war und schon viele
Austauschschüler vor mir aufgenommen hat, war eigentlich gar kein richtiger
Austausch vorhanden. Meine neue Gastfamilie ist das komplette Gegenteil. Mit
Jurmala wohne ich einer neuen Stadt, nicht mehr in einem großen Haus sondern in
einer Plattenbaute. Die Familie ist wie gesagt Russisch und wohnt etwas
klischeehaft auf engstem Raum und mit vielen kleinen Figürchen überall. Jetzt
heißt es für mich wirklich Anpassung: Meine Gastmutter und die 11 jährige
Tochter sprechen zwar auch lettisch, die jüngeren beiden Schwestern jedoch
nicht, oder zumindest kaum und Englisch reden wir gar nicht. Russisch werde ich
jetzt wohl anfangen müssen zu lernen, wobei mein Lettisch selbst auch noch
ziemlich holprig ist. Ich schlafe im Wohnzimmer und habe weder Privatsphäre
noch Rückzugsmöglichkeit. Auch wenn ich mir das alles zu Beginn vielleicht
nicht genau so vorgestellt habe, so ist es jetzt doch Austausch,
Kulturaustausch, und mit Hilfe meiner eigentlichen Familie hier in Lettland,
nämlich meiner AFS-Familie, habe ich den ersten Schock dann doch ganz gut
überstanden. Das Beste am ganzen Jahr ist wirklich, dass man danach Freunde auf
der ganzen Welt für das ganze Leben hat! Ich lerne nicht nur was über Lettland,
über Deutschland sowieso, ich lerne auch viel über Mexiko, die Türkei,
Australien, Belgien, über Russen und Lettland-Russen und so viele andere Länder.
Einmal habe ich mich ein wenig geärgert ausgerechnet nach Lettland gegangen zu
sein, weil die Unterschiede zu Deutschland nicht ganz so groß sind wie zum
Beispiel zu Thailand, China oder Venezuela. Aber mit der Zeit bemerkt man, dass
es gar nicht so entscheidend ist, in welches Land man seinen Austausch macht.
Unterschiede gibt es überall, dort mehr, woanders weniger. Aber sich selbst
tauscht man überall aus: Bei unserem Midstaycamp im Januar kamen zwei neue
Austauschschüler aus Argentinien und Peru und wir haben sie sofort mit offenen
Armen in unserer Gruppe empfangen, wie ich es vorher vielleicht nicht gemacht
hätte. Ich habe festgestellt, dass ich eine wunderbare Familie in Deutschland
und tolle Freunde aus der ganzen Welt habe und wie ich durch schwere Zeiten
kommen kann. Wenn man bei einem Problem überlegt wie man auf eine ähnliche
Situation vor drei, vier Monaten reagiert hätte, dann sieht man , wie stark
einen das Jahr macht, wie man vieles besser einschätzen kann und vieles einfach
anders wahrnimmt. Das meiste davon hat sich wirklich in meinem
Unterbewusstsein, in meinen Grundeinstellungen geändert.
Menschen
sind so unterschiedlich. Wie soll man das groß anders sagen?! Ich lerne die
unterschiedlichsten Arten von Menschen kennen und in welchem Maße eine Kultur
einen Charakter prägt. Die Letten zum Beispiel sind sehr abergläubisch, wegen
ständig wechselnder Besatzungsmacht haben sie sich somit eine Art Religion
geschaffen. Lettland war nie wirklich unabhängig und ist für den Rest der Welt
relativ klein und unbedeutend. Meine Mitschüler sehen ihre Zukunft eher im
Ausland als in Lettland, was sich laut Einheimischer immer in irgendeiner
Kriese befindet und eine furchtbare Politik hat. Nachdem ich einmal in einem
sehr kleinen uhrigen Schwimmbad war, das so aussieht wie eines in dem in den
70er Jahren die Schwimmlegenden der nächsten Jahrzehnte geboren werden, hat mir
der Hausmeister dort seine Geschichte erzählt und wie er nun, nach seiner
Meinung, perspektivenlos in Lettland festsitzt, in Deutschland sei doch alles
besser. Um wirklich was aus ihrem Leben zu machen lernen die Jugendlichen sehr
viel, haben nicht viel Zeit und sind ziemlich schüchtern. Es ist schwer Freunde
zu finden, doch wenn man es erst einmal in das Herz eines Letten geschafft hat,
so hat man den Platz auch sicher.
Fünfeinhalb
Monate sind eine verdammt lange Zeit, wenn ich daran denke, was ich hier schon
alles gemacht und erlebt habe. An die Leute die ich getroffen habe, an meine
Hochs und Tiefs. In mein Tagebuch schreibe ich viel über meine Probleme, aber
auch tolle Erlebnisse. Wenn ich aber einfach mal aufzähle was ich hier gemacht habe, in welchen Städten ich zum
Beispiel schon war, dass ich eine Woche lang mit dem Comenius Programm meiner Schule
unterwegs war, die Exkursionen und Camps mit AFS, ich war in einem Kinderheim,
in einem Ballet, einer Oper, in der deutschen Botschaft, habe mir ein
Handballländerspiel zwischen Lettland und Kroatien angeguckt und nur ein paar
Wochen später mit selbigem lettischen Torwart Feldhockey gespielt, dann
erscheinen mir fünfeinhalb Monate so lang und ich werde ganz aufgeregt, wenn
ich daran denke dass mir nochmal so eine tolle Zeit bevorstehen wird!
Ohne Ihre
Unterstützung würde ich all die tollen Menschen und Orte hier nicht kennen
lernen. Ich würde nicht diese unglaublichen Erfahrungen machen, die mich noch
mein ganzes Leben lang begleiten werden. Vielen, vielen Dank dafür!
Fürchte Dich weniger, hoffe mehr,
iss weniger, kaue mehr,
jammere weniger, liebe mehr,
und alle guten Dinge werden Dein sein!