Mittwoch, 13. Februar 2013

Zwischenbericht ;)



Füneinhalb Monate sind keine lange Zeit. Fünfeinhalb von elf Monaten sind sogar richtig kurz wenn es schon die Hälfte sein soll, auch wenn es mir nicht gerade vorkommt als sei die Überraschungsabschlussparty von meinen Freunden, der Abschied von meiner Familie am Flughafen und unser gemeinsamer erster Schritt der deutschen Austauschschüler auf lettischem Boden gerade erst gestern gewesen.
Das erste Foto was ich von Riga gemacht habe war eine Straße über die unzählige Stromleitungen von einem Haus mit abblätterndem Putz zum nächsten verliefen. Dieser erste Eindruck von einem ärmlichen und heruntergekommenen Riga hat sich allerdings ziemlich schnell als ziemlich falsch herausgestellt. Ich hatte mich darauf gefreut ein Land im Wandel kennen zu lernen, das nach jahrzehntelanger Besatzung jetzt die Unabhängigkeit genießt, und Lettland verkörpert genau das. Aus dem Center Rigas sprießen gläserne Hochhäuser, fährt man auch nur ein kleines Stück weiter raus findet man unzählige Plattenbauten vor. Nach nur ein paar Wochen war mir die verschlungene Altstadt mit den zahlreichen historischen und jugendstilistischen Bauwerken kein so großes Rätsel mehr, ich kannte jeden der unzähligen Parks und viele Cafés mit freiem Wifi in einer eigentlich ziemlich modernen Stadt. Und wenn ich mit meinen Austauschschülerfreunden zum Lettischunterricht im AFS-Büro über meine „erste Straße“ gehe, vorbei an der wunderschönen Oper und dem riesigen Hotel mit Panoramafahrstuhl von wo man die ganze Stadt sehen kann, möchte ich mit keinem auf der Welt tauschen. Wenn man weiter aufs Land fährt wird es aber durchaus ärmlicher, häufig gibt es Stromausfall bei schlechtem Wetter und auch mal ein Plumpsklo statt Toilette. Doch egal wo man hin fährt: überall erlebt man die Letten als ein sehr fürsorgliches und gastfreundliches Volk. Anders als in Deutschland lehnt man selbst bei einem kleinen Zwischenbesuch Kaffee und Kuchen nicht ab sondern langt richtig zu. Die Gastmutter einer Freundin hat mal, als ich zu Besuch war und wirklich kein Stück mehr essen konnte, ganz passend gesagt: „Im Prinzip essen die Letten nur einmal am Tag. Sie fangen morgens an und essen dann bis zum Abend.“ In meiner zweiten Gastfamilie ist das auch wirklich der Fall! Zum Frühstück gibt es warmen Grieß oder russischen Haferbrei. Mittags Plov, nachmittags Borsch und abends dann nochmal alles zusammen mit Gricci. Stets nach jeder Mahlzeit Tee und ein bisschen Schokolade. Meinen Gastfamilienwechsel habe ich mit ein paar Tagen vor Weihnachten natürlich in eine super Zeit gelegt. In meiner neuen, russischen Familie wurde Weihnachten kaum gefeiert und ich war von den ganzen Wechselstrapazen noch ziemlich mitgenommen. In meiner ersten Familie hatte ich einfach ziemlich viel Freiraum und da sie ziemlich deutsch war und schon viele Austauschschüler vor mir aufgenommen hat, war eigentlich gar kein richtiger Austausch vorhanden. Meine neue Gastfamilie ist das komplette Gegenteil. Mit Jurmala wohne ich einer neuen Stadt, nicht mehr in einem großen Haus sondern in einer Plattenbaute. Die Familie ist wie gesagt Russisch und wohnt etwas klischeehaft auf engstem Raum und mit vielen kleinen Figürchen überall. Jetzt heißt es für mich wirklich Anpassung: Meine Gastmutter und die 11 jährige Tochter sprechen zwar auch lettisch, die jüngeren beiden Schwestern jedoch nicht, oder zumindest kaum und Englisch reden wir gar nicht. Russisch werde ich jetzt wohl anfangen müssen zu lernen, wobei mein Lettisch selbst auch noch ziemlich holprig ist. Ich schlafe im Wohnzimmer und habe weder Privatsphäre noch Rückzugsmöglichkeit. Auch wenn ich mir das alles zu Beginn vielleicht nicht genau so vorgestellt habe, so ist es jetzt doch Austausch, Kulturaustausch, und mit Hilfe meiner eigentlichen Familie hier in Lettland, nämlich meiner AFS-Familie, habe ich den ersten Schock dann doch ganz gut überstanden. Das Beste am ganzen Jahr ist wirklich, dass man danach Freunde auf der ganzen Welt für das ganze Leben hat! Ich lerne nicht nur was über Lettland, über Deutschland sowieso, ich lerne auch viel über Mexiko, die Türkei, Australien, Belgien, über Russen und Lettland-Russen und so viele andere Länder. Einmal habe ich mich ein wenig geärgert ausgerechnet nach Lettland gegangen zu sein, weil die Unterschiede zu Deutschland nicht ganz so groß sind wie zum Beispiel zu Thailand, China oder Venezuela. Aber mit der Zeit bemerkt man, dass es gar nicht so entscheidend ist, in welches Land man seinen Austausch macht. Unterschiede gibt es überall, dort mehr, woanders weniger. Aber sich selbst tauscht man überall aus: Bei unserem Midstaycamp im Januar kamen zwei neue Austauschschüler aus Argentinien und Peru und wir haben sie sofort mit offenen Armen in unserer Gruppe empfangen, wie ich es vorher vielleicht nicht gemacht hätte. Ich habe festgestellt, dass ich eine wunderbare Familie in Deutschland und tolle Freunde aus der ganzen Welt habe und wie ich durch schwere Zeiten kommen kann. Wenn man bei einem Problem überlegt wie man auf eine ähnliche Situation vor drei, vier Monaten reagiert hätte, dann sieht man , wie stark einen das Jahr macht, wie man vieles besser einschätzen kann und vieles einfach anders wahrnimmt. Das meiste davon hat sich wirklich in meinem Unterbewusstsein, in meinen Grundeinstellungen geändert.
Menschen sind so unterschiedlich. Wie soll man das groß anders sagen?! Ich lerne die unterschiedlichsten Arten von Menschen kennen und in welchem Maße eine Kultur einen Charakter prägt. Die Letten zum Beispiel sind sehr abergläubisch, wegen ständig wechselnder Besatzungsmacht haben sie sich somit eine Art Religion geschaffen. Lettland war nie wirklich unabhängig und ist für den Rest der Welt relativ klein und unbedeutend. Meine Mitschüler sehen ihre Zukunft eher im Ausland als in Lettland, was sich laut Einheimischer immer in irgendeiner Kriese befindet und eine furchtbare Politik hat. Nachdem ich einmal in einem sehr kleinen uhrigen Schwimmbad war, das so aussieht wie eines in dem in den 70er Jahren die Schwimmlegenden der nächsten Jahrzehnte geboren werden, hat mir der Hausmeister dort seine Geschichte erzählt und wie er nun, nach seiner Meinung, perspektivenlos in Lettland festsitzt, in Deutschland sei doch alles besser. Um wirklich was aus ihrem Leben zu machen lernen die Jugendlichen sehr viel, haben nicht viel Zeit und sind ziemlich schüchtern. Es ist schwer Freunde zu finden, doch wenn man es erst einmal in das Herz eines Letten geschafft hat, so hat man den Platz auch sicher.
Fünfeinhalb Monate sind eine verdammt lange Zeit, wenn ich daran denke, was ich hier schon alles gemacht und erlebt habe. An die Leute die ich getroffen habe, an meine Hochs und Tiefs. In mein Tagebuch schreibe ich viel über meine Probleme, aber auch tolle Erlebnisse. Wenn ich aber einfach mal aufzähle was ich hier gemacht habe, in welchen Städten ich zum Beispiel schon war, dass ich eine Woche lang mit dem Comenius Programm meiner Schule unterwegs war, die Exkursionen und Camps mit AFS, ich war in einem Kinderheim, in einem Ballet, einer Oper, in der deutschen Botschaft, habe mir ein Handballländerspiel zwischen Lettland und Kroatien angeguckt und nur ein paar Wochen später mit selbigem lettischen Torwart Feldhockey gespielt, dann erscheinen mir fünfeinhalb Monate so lang und ich werde ganz aufgeregt, wenn ich daran denke dass mir nochmal so eine tolle Zeit bevorstehen wird!
Ohne Ihre Unterstützung würde ich all die tollen Menschen und Orte hier nicht kennen lernen. Ich würde nicht diese unglaublichen Erfahrungen machen, die mich noch mein ganzes Leben lang begleiten werden. Vielen, vielen Dank dafür!

Fürchte Dich weniger, hoffe mehr,
iss weniger, kaue mehr,
jammere weniger, liebe mehr,
und alle guten Dinge werden Dein sein!